Selbstfürsorge – heute beginnen. Ein persönlicher Einblick

Im März habe ich an einer Fortbildung mit dem Titel „Genau heute Selbstfürsorge beginnen – Endlich Freundschaft mit dem inneren Kritiker schließen.“ teilgenommen. Das Thema Selbstfürsorge interessiert mich nicht nur als Psychologin, sondern auch als Mutter. Ich bin alleinerziehend und meine Kinder sind zurzeit vollzeit zu Hause. Nebenbei arbeite ich. Der Alltag ist laut, chaotisch, randvoll.

Selbstfürsorge ist mir natürlich bekannt. Und dennoch ist sie mir in diesen Wochen oft entglitten. Zwischen Rangeleien, Telefonaten und Wäschebergen scheint sie kaum Platz zu haben.

Der Anspruch, alles richtig zu machen

Was es zusätzlich schwer macht: Mein innerer Kritiker. Er ist perfektionistisch, harsch, unnachgiebig. Er flüstert (manchmal schreit er auch): „Das ist wieder Weißbrot – warum hast du nicht selbst gebacken? Süßigkeiten? Wie wäre es mit Gemüse-Sticks? Keine Bildschirmzeit für die Kinder. Sei geduldiger, liebervoller, präsenter.“

Und wenn ich das nicht schaffe – weil ich müde bin, genervt oder einfach nur atmen will – dann kommt er erst recht: „Du bist nicht genug. Du schaffst das nicht. Du Versagerin.“

Am lautesten wird diese Stimme in den Momenten, in denen ich selbst am Rand bin. Wenn meine Kinder laut brüllen, sich im Supermarkt unhöflich benehmen, und ich die Blicke der Menschen um uns herum förmlich spüre. Wenn ich denke: „Ich habe nichts im Griff. Ich bin keine gute Mutter.“ Oder abends, wenn sie mir übermüdet ins Gesicht brüllen, weil sie „nicht schon wieder Zähne putzen“ wollen, und ich die letzten Reste meiner Geduld zusammenkratze – obwohl ich am liebsten einfach nur weinen möchte.

Die Fortbildung hat mir geholfen, diesen inneren Kritiker besser zu verstehen. Er ist kein Feind. Ein Satz ist mir besonders im Kopf geblieben:

„Der innere Kritiker ist ein überaus wichtiger Beschützer, der versucht, wesentliche Bedürfnisse zu erfüllen.“ Er ist entstanden aus alten Erfahrungen, aus erlernten Regeln und Mustern. Er will eigentlich schützen. Anerkennung sichern. Bindung erhalten. Aber seine Methoden sind hart. Und in meinem Alltag sind sie oft nicht hilfreich, sondern belastend.

Ein wichtiger Impuls aus der Fortbildung war: Woher kommen diese inneren Sätze eigentlich? Wenn ich mich selbst sagen höre „Du bist nicht gut genug.“, dann hilft es, kurz innezuhalten und zu fragen:
Wo habe ich diesen Satz zuerst gehört – oder gespürt? Wer hat so mit mir gesprochen oder mich so fühlen lassen, bevor ich selbst begann, so mit mir umzugehen?
Und dann weiterzufragen: War diese Person in diesen Momenten gut zu mir? Hätte ich verdient gehabt, anders behandelt zu werden?
Oft liegt hier der Schlüssel: Wenn wir verstehen, woher diese kritischen Stimmen kommen, können wir beginnen, ihnen mit mehr Distanz – und Mitgefühl – zu begegnen.

Selbstfürsorge beginnt mit Mitgefühl – für mich selbst

Selbstfürsorge beginnt nicht erst im Wellnesshotel oder bei der Meditation (auch wenn das schön wäre). Sie beginnt in dem Moment, in dem ich innehalte und mir selbst zuhöre. Wenn ich erkenne, dass ich gerade überfordert bin – und mir erlaube, das auch zu sein.

Dabei ist Selbstfürsorge nicht immer eine Handlung wie eine Tasse Tee, die in Ruhe genossen wird. Sie ist vor allem ein Blick auf sich selbst. Eine Sanftheit. Eine innere Geste. Selbstfürsorge bedeutet, mir Mitgefühl und Verständnis zu zeigen, gerade dann, wenn es am schwersten fällt. Es kann heißen, mir eine warme Decke oder ein zu großes Sweatshirt überzuziehen und mich eingekuschelt zu fühlen. Es kann sein, mir selbst ein paar nette Worte zu sagen: „Du gibst dein Bestes. Das reicht.“

Dann kann ich meine Ansprüche hinterfragen. Muss wirklich alles selbst gemacht sein? Oder ist es auch okay, wenn die Tiefkühlpizza heute das Abendessen rettet?

Selbstfürsorge im Alltag – auch mit Kindern

Was bedeutet also Selbstfürsorge im fordernden Familienalltag?

Selbstfürsorge kann für jeden und jeden Tag anders aussehen. Vielleicht sind es:

  • Die inneren kritischen Stimmen zu erkennen und zu verstehen.
  • Fünf Minuten für mich selbst – ohne schlechtes Gewissen.
  • Eine Lieblingsaktivität in den Alltag einbauen.
  • Den Mut, Hilfe anzunehmen oder um Unterstützung zu bitten.
  • Zu sagen: „Heute war genug. Ich war genug.“
  • Und manchmal auch: die Kinder dürfen eine Folge schauen – und ich atme.

Selbstfürsorge bedeutet für mich mittlerweile nicht mehr, alles „perfekt“ zu machen. Sondern mein Bestes zu geben, je nach eigener Kapazität. Und vor allem liebevoll und mitfühlend – mit meinen Kindern, aber vor allem auch mit mir selbst zu sein.