Die Frage, ob ein Elternteil zur Erziehung eines Kindes geeignet ist, wird im familienrechtlichen Kontext am Wohl des Kindes gemessen. Dabei dienen eltern- und kindbezogene psychologische Kriterien – wie etwa die Erziehungskompetenz und die förderliche Entwicklung des Kindes – zur Beurteilung des Kindeswohls.

Im Folgenden nehme ich aus psychologischer Sicht Stellung zur Erziehungseignung von Erwachsenen, die diskriminierendes Verhalten zeigen.

1. Bindungssicherheit und emotionale Nähe

Die Qualität der Bindung zwischen einem Kind und seinem Elternteil ist ein zentrales Kriterium für das Kindeswohl. Eine sichere Bindung setzt voraus, dass das Kind sich emotional verstanden, geschützt und angenommen fühlt (Bindungstheorie Bowlby).

Wenn jedoch diskriminierende oder abwertende Verhaltensmuster auftreten, wird diese Sicherheit infrage gestellt. Besonders problematisch ist dies, wenn sich die Abwertungen auf Merkmale beziehen, die auch das Kind betreffen (z. B. Herkunft, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit).

Bindungstheoretisch ist in solchen Konstellationen die Ausbildung ambivalenter oder desorganisierter Bindungsmuster (Bindungstheorie Forschung Ainsworth, Main & Solomon) zu erwarten: Das Kind sucht Nähe, erlebt den Vater / die Mutter aber zugleich als Quelle von Verunsicherung oder Angst. Diese Konstellationen stellen Risikofaktoren für spätere psychische Belastungen dar – wie Ängstlichkeit, Rückzugsverhalten oder emotionale Instabilität (Degner, 2018; Thomas, 2021).

„Kinder, die in emotional widersprüchlichen Beziehungen leben, erleben ihre primäre Bezugsperson als Quelle von Nähe und Bedrohung zugleich. Dies kann zur Entwicklung einer desorganisierten Bindung führen, die durch emotionale Instabilität und eingeschränktes soziales Vertrauen gekennzeichnet ist.“ (Main & Hesse, 1990)

2. Entwicklungspsychologische Risiken

2.1 Identitätsentwicklung

Besondere Bedeutung kommt der Frage zu, ob ein Elternteil die Herkunft und kulturelle Identität seines Kindes wertschätzen und stärken kann. Sollte das Kind zum Teil ausländischer Herkunft sein, stellt sich die Frage, wie ein Elternteil mit der kulturellen Identität des eigenen Kindes umgeht.

Die psychologische Forschung zeigt deutlich: Ein Mangel an Anerkennung oder gar Abwertung der kulturellen Herkunft und Zugehörigkeit als Teil der Identität kann zu Identitätsverwirrung, Verunsicherung oder internalisierter Diskriminierung führen (Degner, 2018; CfEY, 2017; InFocus, 2018). Ein vorurteilsfreier, wertschätzender Umgang mit der Herkunft des Kindes ist daher zentral für eine gesunde emotionale und soziale Entwicklung.

2.2 Soziale und emotionale Entwicklung

Laut Zhang, 2024 übertragen sich Haltungen und Verhaltensmuster aus dem Arbeitsumfeld häufig auf den familiären Bereich (Spillover-Effekt).

Wer ein von Diskriminierung geprägtes Sozialverhalten zeigt, trägt das Risiko, dieses Muster auch im familiären Kontext fortzusetzen (IMD, 2023). Das kann sich in einem autoritären, respektlosen oder entwertenden Erziehungsstil zeigen – mit negativen Folgen für die kindliche Entwicklung.

Mögliche Auswirkungen:

  • Soziale Kompetenz: Ein Umfeld, das von Dominanz und Ausgrenzung geprägt ist, bietet wenig Raum für das Erlernen kooperativer und respektvoller Verhaltensweisen (BetterHelp, 2023).
  • Selbstwertgefühl: Kinder, die sich nicht gesehen oder abgewertet fühlen, entwickeln häufig ein instabiles Selbstbild (StopHateUK, 2023).
  • Empathiefähigkeit: Ein Kind, das keine einfühlsame Kommunikation erlebt, lernt seltener, sich in andere hineinzuversetzen (Emerging Minds, 2024).

Ein familiäres Umfeld, das von emotionaler Instabilität und mangelnder Feinfühligkeit geprägt ist, kann weitreichende negative Folgen für die emotionale Regulation und das seelische Wohlbefinden des Kindes haben. Auch sexistische Einstellungen sind bedeutsam: Studien belegen, dass Eltern mit solchen Überzeugungen weniger aufmerksam erziehen und weniger emotional verfügbar sind (TechExplorist, 2024; PsyPost, 2024).

2.3 Vorbildfunktion und moralische Entwicklung

Eltern fungieren als zentrale moralische Modelle für ihre Kinder. Studien zur sozialen Lerntheorie (z. B. Bandura) zeigen: Kinder lernen ethisches Verhalten maßgeblich durch Beobachtung – sowohl durch Worte als auch durch Taten. Ein Kind, das diskriminierende Haltungen ausgesetzt ist, läuft Gefahr, diese Werte zu übernehmen und zu internalisieren – mit negativen Auswirkungen auf seine soziale Entwicklung und Wertebildung (Degner, 2018; Leaper, 2022).

Kinder lernen zudem durch Nachahmung – und erhalten auf diese Weise widersprüchliche Botschaften zu Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit.

Mögliche Folgen:

  • Externalisierendes Verhalten (z. B. Lügen, Täuschung, Rücksichtslosigkeit)
  • Regelunsicherheit
  • Fehlende Verantwortungsübernahme

3. Entwicklungspotenzial

Als Psychologin ist es mir wichtig zu betonen, dass Menschen sich entwickeln können. Eine Coaching oder Psychotherapie können hilfreich sein um eigene Vorurteile zu reflektieren. Laut Forschung ist ein Coaching allein jedoch nicht ausreichend, um tief verankerte Vorurteile nachhaltig zu verändern (Degner, 2018; RaisingChildren, 2023). Reflexion allein ersetzt keine gelebte Veränderung im Verhalten.

4. Schlussfolgerung

Im Lichte der bekannten Informationen und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse erscheint die Erziehungseignung von Erwachsenen, die diskriminierendes Verhalten zeigen deutlich eingeschränkt, da sie nicht in der Lage sind, einem Kind eine stabile, diskriminierungsfreie und würdevolle Entwicklungsumgebung zu bieten. Eine psychologische Begutachtung im Einzelfall wäre notwendig, um diese Einschätzung weiter zu differenzieren.

Hinweis

Diese Einschätzung ersetzt keine individuelle Begutachtung nach den Standards familiengerichtlicher Verfahren.

Literaturverzeichnis

  1. Degner, J. et al. (2018). A Chip Off the Old Block: Parents’ Subtle Ethnic Prejudice Predicts Children’s Implicit Prejudice. Frontiers in Psychology. https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2018.00110/full
  2. Degner, J. et al. (2018). A Chip Off the Old Block: Parents’ Subtle Ethnic Prejudice… PMC. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5811875/
  3. Thomas, K. et al. (2021). Maternal Experiences of Racial Discrimination… PMC. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8405547/
  4. Boston Children’s Hospital. (2020). Racism is a health issue: How it affects kids… https://answers.childrenshospital.org/racism-child-health/
  5. Leaper, C. et al. (2022). Gender Prejudice Within the Family: The Relation Between Parents’ Sexism… PMC. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8908212/
  6. Zhang, L. et al. (2024). The relationship between workplace bullying and family functioning… PMC. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11407676/
  7. IMD Business School. (2023). Gender Inequality in the Workplace: How to Combat It? https://www.imd.org/blog/leadership/gender-inequality-in-the-workplace/
  8. CfEY (2017). When and how do children learn prejudice? https://cfey.org/2017/12/children-learn-prejudice/
  9. BetterHelp. (2023). The Impact Of Racism On Family Mental Health. https://www.betterhelp.com/advice/family/what-is-the-impact-of-racism-on-family-mental-health-the-effects-of-racial-trauma/
  10. Stop Hate UK. (2023). The Impact of Hate Crime and Discrimination on Mental Health. https://www.stophateuk.org/2023/08/30/the-impact-of-hate-crime-and-discrimination-on-mental-health/
  11. Emerging Minds. (2024). Prejudice-motivated bullying and its impact on child mental health. https://emergingminds.com.au/resources/prejudice-motivated-bullying-and-its-impact-on-child-mental-health-and-wellbeing/
  12. PsyPost. (2024). Sexist attitudes in parents linked to reduced responsiveness in parenting. https://www.psypost.org/new-study-links-sexist-attitudes-in-both-mothers-and-fathers-to-reduced-responsiveness-in-parenting/
  13. Raising Children Network. (2023). Healthy attitudes to gender: kids & teens. https://raisingchildren.net.au/toddlers/development/toddlers-social-emotional-development/healthy-attitudes-to-gender-children-teens